Velten - eine Stadt mit spannender Geschichte
Das Stadtbild von Velten unterscheidet sich deutlich von jenem der umliegenden märkischen Städte wie Gransee, Templin oder Angermünde. Durchreisende halten hier vergeblich Ausschau nach dem mittelalterlichen Marktplatz mit dem Rathaus, vermissen die eng bebauten Altstadtgassen oder die Stadtmauer. Vielleicht sorgt der für eine Stadt ungewöhnliche großzügige Angerbereich der Breiten Straße für Verwunderung.

Die Erklärung zu dieser städtebaulichen Besonderheit ist in der spannenden Geschichte Veltens zu finden. Im Mittelalter entstand in der Mark Brandenburg ein Netz von Städten. Die Distanz zwischen ihnen war relativ ähnlich. Sie ergab sich üblicherweise aus der Strecke, die ein Händler mit seinem schwerfälligen Fuhrwerk am Tag zurücklegen konnte. Damit konnten auch die Bauern ihre Erzeugnisse zum Marktplatz in die nächste Stadt karren. Velten war zu dieser Zeit noch ein kleines Bauerndorf. Mitte des 14. Jahrhunderts wurde der Ort erstmals erwähnt. Beidseits des langgestreckten Straßenangers standen Gehöfte, an die sich rückwärtig Gärten und Felder anschlossen. Einige Grundstücke weisen bis heute auf den bäuerlichen Ursprung hin. Die Wohnhäuser stehen mit dem Giebel zur Breiten Straße, daneben oder dahinter befinden sich Scheunen und Stallungen. Meist wurden die Grundstücke mit drei Gebäuden bebaut, man spricht dann von einem „Dreiseithof“. Drei Jahrhunderte bäuerlicher Entwicklung sollten nach der Ersterwähnung ins Land gehen, bevor der Ziegelbäcker Jakob Plohn 1656 in den Tonbergen jenen Rohstoff erschloss, der Velten später berühmt und groß werden ließ. Noch aber war Berlin ein eher bescheidener Ort und der sogenannte „Berliner Ofen“ unbekannt. Noch fehlte mithin der Bedarf für die spätere keramische Massenproduktion in Velten.

Im 19. Jahrhundert begann für Preußen und insbesondere für seine Hauptstadt Berlin eine stürmische Entwicklung. Meister Heinrich Andreas Seydlitz hatte 1828 das rechte Gespür, als er neben den hervorragenden Tonvorkommen eine Töpferei errichtete. Der Maurerpolier J. Ackermann wagte 1835 gar den Schritt zur industriellen Produktion von Kachelöfen. Dessen weiße Schmelzkacheln erlangten schnell Berühmtheit und sorgten in den neu entstehenden Wohnungen im wachsenden Berlin für Behaglichkeit.

  In einem regelrechten Gründerfieber wurden Mitte des 19. Jahrhunderts Veltener Bauern zu Fabrikanten. Um 1900 rauchten im Ort die Schlote von 36 Ofenfabriken. In kurzer Zeit breitete sich Velten über das historische Siedlungsgebiet des alten Dorfangers hinaus aus. Auf weiter Fläche entstanden städtische Häuser und Villen. Allein nach Osten unterbanden die Luchwiesen die Überbauung. Die Beliebtheit der weißen Ofenkacheln in Berlin übertraf selbst die kühnsten Erwartungen. Jede Woche setzte sich von Velten aus ein langer Zug von Fuhrwerken in Richtung Reichshauptstadt in Bewegung, um die kostbare Fracht zum Verkauf an die Berliner Bauunternehmer zu liefern. So lag die Einrichtung eines Ofenmuseums auf der Hand, das Gustav Gericke vor genau einem Jahrhundert in einer Veltener Schule gründete. Mit Rat und Utensilien unterstützten ihn dabei örtliche Fabrikanten. 1905 wurden einhunderttausend Kachelöfen für Berlin produziert!

Das Jahr 1905 brachte jedoch einen Wendepunkt für den aufstrebenden Industrieort Velten. Die aufwändige und gesundheitsschädliche Produktion mit dem doppelten Brennverfahren sah sich einem zunehmenden Konkurrenzdruck anderer Standorte ausgesetzt. Die reichen Tonvorkommen begannen zu versiegen. Schließlich kamen gar die weißen Kacheln aus der Mode. Doch die Veltener gaben sich nicht geschlagen. Großartige Pläne des Amts- und Gemeindevorstehers
Hermann Aurel Zieger sahen nach 1910 die Entwicklung eines gigantischen Industrie- und Wohnstandortes vor. Ein drei Kilometer langer Stichkanal verband die Gemeinde ab 1911 mit dem Oder-Havel-Kanal.

Bild: Die Zeichnung aus dem Jahr 1910 zeigt den damals geplanten Ausbau Veltens als gigantischen industrie- und Wohnstandort
 

Die Vision einer Halbmillionenstadt scheiterte am Ersten Weltkrieg und der Weltwirtschaftskrise. In den zwanziger Jahren konnte Velten jedoch zunehmend alternative Produktionen ansiedeln. Ein Ausdruck des Zukunftsglaubens war die Verleihung des Stadtrechtes im Jahr 1935. Mittlerweile war die Zahl der Ofenfabriken auf 15 zurückgegangen.

Das im 19. Jahrhundert beplante, weitläufige Stadtgebiet wurde nicht zu Ende bebaut. Zwischen repräsentativen Gründerzeitgebäuden der Innenstadt zeigen heute bäuerliche Anwesen, ungenutzte Ofenfabriken, Tonlöcher und andere Brachen die Entwicklungsbrüche der jüngeren Geschichte auf.

Dank der günstigen Einbindung in das Autobahn-, Eisenbahn- und Wasserstraßennetz und der Nähe zu Berlin konnte sich Velten nach der Wende von der allgemeinen wirtschaftlichen und Bevölkerungsentwicklung im Land Brandenburg abkoppeln. Seit 1990 stieg die Einwohnerzahl um zwölf Prozent. Zwischen 1998 und 2003 nahm die Zahl der Arbeitsplätze um elf Prozent zu. Die keramische Industrie existiert heute in zwei Betrieben fort. Daneben arbeiten in Velten zwei Töpfereien. Das einzigartige Ofenmuseum, das in diesem Jahr sein hundertjähriges Bestehen feiert, vermittelt auf beeindruckende Weise die Tradition und Zukunft der Ofenstadt Velten.



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